Relativsätze


Grundsätzliches

Relativsätze sind meist attributiv verwendet, können aber auch an Subjekts- oder Objektsstelle stehen. Im Griechischen gibt es daneben noch Besonderheiten: die relative Assimilation, die relative Attraktion und die relative Verschränkung.

Das Relativpronomen

Das griechische Relativpronomen lautet:

ὅς, ἥ, ὅ

der, die, das; welcher, welche, welches

(Siehe hier zur Deklination des Pronomens)

Daneben gibt es die Form des verallgemeinernden Relativpronomens:

ὅστις, ἥτις, ὅ τι

wer auch immer; jeder, der

(Siehe hier zur Deklination des Pronomens)

Außerdem gibt es noch diese Pronomina mit relativem Sinn:

οἷος, οἵα, οἷον

wie beschaffen; was für ein

(Deklination des Pronomens)

ὅσος, ὅση, ὅσον

wie groß; wie viel

(Deklination des Pronomens)


Der Relativsatz

Ein Relativsatz kann verschiedene Rollen übernehmen. Er kann als Attributivsatz, als Subjektssatz, als Objektssatz oder als Adverbialsatz auftreten.

Der Relativsatz als Attributivsatz

Hierbei drückt der Relativsatz ein Attribut zu einem Nomen oder Pronomen aus. Dies ist die häufigste Verwendung. Beispiele:

Ὁ Ζεύς, ὃς τοῦ κόσμου ἄρχει, πατὴρ τῶν ἀνθρώπων καὶ θεῶν καλεῖται.

Zeus, der über die Welt herrscht, wird Vater der Menschen und Götter genannt.

Ὁ Ζεύς, οἱ ἄνθρωποι θύουσιν, τοῦ κόσμου ἄρχει.

Zeus, dem die Menschen opfern, herrscht über die Welt.

Οἱ θεοὶ τούτους, οἵτινες αὐτοῖς θύουσιν, φιλοῦσιν.

Die Götter lieben alle diejenigen, die ihnen opfern.


Der Relativsatz als Subjektssatz

Hier vertritt der Relativsatz die Stelle des Subjekts. Beispiel:

Τοὺς θεοὺς θεραπεύει, ὅστις αὐτοῖς θύει.

Die Götter verehrt jeder, der ihnen opfert.


Der Relativsatz als Objektssatz

Hier vertritt der Relativsatz die Stelle des Objekts. Beispiel:

Οἱ θεοὶ φιλοῦσιν, οἵτινες αὐτοῖς θύουσιν.

Die Götter lieben alle, die ihnen opfern.


Der Relativsatz als Adverbialsatz

Hier vertritt der Relativsatz einen Adverbialsatz, indem er einen Nebensinn transportiert. Dieser kann in einer der folgenden Färbungen bestehen:


1. Kausaler Nebensinn

Anstelle eines Kausalsatzes (mit ὅτι, ὡς, ἐπεί, ἐπειδή) steht ein Relativsatz mit kausalem Nebensinn. Einschlägige Regeln:

Θαυμαστὸν ποιεῖς, ὃς τοῖς θεοῖς οὐ θύεις.

Du tust Erstaunliches, (der du =) weil du den Göttern nicht opferst.


2. Konsekutiver Nebensinn

Anstelle eines Konsekutivsatzes (mit ὥστε, ὡς) steht ein Relativsatz mit konsekutivem Nebensinn. Einschlägige Regeln:

Τίς οὕτως μαίνεται, ὅστις τοῖς θεοῖς οὐ θύει;

Wer ist so von Sinnen, (der =) dass er den Göttern nicht opfert?

Hierher gehören auch die folgenden Ausdrücke, in denen der Relativsatz gleichfalls konsekutiv aufzufassen ist:

ἔστιν, οἵes gibt Leute, die
εἰσίν, οἵes gibt Leute, die
οὐκ ἔστιν, ὅστιςes gibt keinen, der
usw.


3. Finaler Nebensinn

Anstelle eines Finalsatzes (mit ἵνα, ὅπως) steht ein Relativsatz mit finalem Nebensinn. Einschlägige Regeln:

Οἱ ἄνθρωποι τοῖς θεοῖς θύσουσιν, οἳ αὐτοὺς φυλάξουσιν.

Die Menschen opfern den Göttern, (die =) damit sie sie beschützen (sollen).


4. Kondizionaler Nebensinn

Anstelle eines Kondizionalsatzes (mit εἰ, ἐάν) steht ein Relativsatz mit kondizionalem Nebensinn. Einschlägige Regeln:

Ὃς μὴ θύει, τοὺς θεοὺς οὐ νομίζει.

(Wer =) Wenn einer nicht opfert, glaubt er nicht an die Götter.

Ὃν ἂν νομίζητε θεόν, τούτῳ θύσετε.

Wenn ihr an einen Gott glaubt, werdet ihr diesem opfern.
(An welchen Gott ihr auch immer glaubt, diesem werdet ihr opfern.)


Besonderheiten im Griechischen


1. Relative Assimilation

Darunter versteht man die Angleichung des Relativpronomens im Akkusativ (und nur im Akkusativ!) an den Kasus des Beziehungswortes, wobei dieses dann wegfällt. Hier gibt es zwei Fälle:

a) Bezugswort ist ein Nomen

Aus: Οἱ ἄνθρωποι τοῖς θεοῖς θύουσιν, οὓς θεραπεύουσιν.
Wird:
Οἱ ἄνθρωποι τοῖς θεοῖς θύουσιν, οἷς θεραπεύουσιν.

Die Menschen opfern den Göttern, die sie verehren.

Das Relativpronomen οὓς wird an das Bezugswort τοῖς θεοῖς angeglichen („assimiliert“), so entsteht die Form οἷς.


b) Bezugswort ist ein Pronomen

Aus: Οἱ ἄνθρωποι τούτοις θύουσιν, οὓς θεραπεύουσιν.
Wird:
Οἱ ἄνθρωποι θύουσιν, οἷς θεραπεύουσιν.

Die Menschen opfern denjenigen, die sie verehren.

Das Relativpronomen οὓς wird an das Demonstrativum τούτοις angeglichen („assimiliert“), so entsteht die Form οἷς. Das (nun überflüssige) Demonstrativum fällt weg.


2. Relative Attraktion

Bei der relativen Attraktion wird das Bezugswort aus dem Hauptsatz ohne Artikel an das Ende des Relativsatzes gestellt. Beispiel:

Aus: Οἱ ἄνθρωποι τοῖς θεοῖς θύουσιν, οὓς θεραπεύουσιν.
Wird:
Οἱ ἄνθρωποι θύουσιν, οἷς θεραπεύουσιν θεοῖς.

Die Menschen opfern den Göttern, die sie verehren.

Das Relativpronomen οὓς wird an das Bezugswort τοῖς θεοῖς angeglichen („assimiliert“), so entsteht die Form οἷς. Zusätzlich wird das Bezugswort ohne Artikel an das Ende des Relativsatzes gestellt, in demselben Fall wie das Relativpronomen: θεοῖς


3. Relative Verschränkung

Bei der relativen Verschränkung wird ein Relativsatz mit einer anderen Konstruktion verschränkt. Das kann unterschiedlich geschehen:

a) Verschränkung mit einem AcI

Ὁ Ζεύς, ὃν κράτιστον τῶν θεῶν εἶναι νομίζομεν, τοῦ κόσμου ἄρχει.

Zeus, von dem wir glauben, dass er der höchste der Götter ist, herrscht über die Welt.

Der Relativsatz mit dem Prädikat νομίζομεν ist vermischt („verschränkt“) mit einem AcI „ὃν κράτιστον … εἶναι“.

Übersetzungsmöglichkeiten:

1. mit „von“:„von dem wir glauben, dass“
2. Parenthese:„wie wir glauben“
3. Präpositionalausdruck:„nach unserem Glauben“
4. Adverb:„angeblich“

b) Verschränkung mit einem Partizip

Θεραπεύεσθε τοὺς θεοὺς, οἷς θύοντες φυλάξεσθε.

Verehrt die Götter, von denen ihr gerettet werdet, wenn ihr ihnen opfert.

Der Relativsatz mit dem Prädikat φυλάξεσθε ist vermischt („verschränkt“) mit einem Partizip „θύοντες“. Derartige Verschränkungen mit einem Partizip müssen eher frei wiedergegeben werden.