Platon Politeia Buch VI, 507 b2–509 b10 07.03.15

Platon, Politeia Buch VI

507 b2–509 b10: Das Sonnengleichnis (zum Gedankengang s. hier!)

St. II
506
Griechischer Text nach Burnet (Oxford 1902)
Kommentar / Übersetzung

Das Gute selbst darzustellen ist für den Stand der Erörterung in der Politeia zu weitführend. Daher will Sokrates einen „Sprössling“ (ἔκγονος τοῦ ἀγαθοῦ 506e3) vorstellen, der dem Guten sehr ähnlich ist. (506d7–507a10)

 

d
e



5
Ἀλλ᾽, ὦ μακάριοι, αὐτὸ μὲν τί ποτ᾽
ἐστὶ τἀγαθὸν ἐάσωμεν τὸ νῦν εἶναι – πλέον γάρ μοι φαίνεται
ἢ κατὰ τὴν παροῦσαν ὁρμὴν ἐφικέσθαι τοῦ γε δοκοῦντος
ἐμοὶ τὰ νῦν. ὃς δὲ ἔκγονός τε τοῦ ἀγαθοῦ φαίνεται καὶ ὁμοιό-
τατος ἐκείνῳ, λέγειν ἐθέλω, εἰ καὶ ὑμῖν φίλον, εἰ δὲ
μή, ἐᾶν.
[Übersetzung]
Nun, ihr Glücklichen, es selbst zwar, was das Gute wohl sei, davon lass uns für jetzt absehen – denn mir scheint, es ist mehr als wir gemäß dem gegenwärtigen Anlauf von dem, was ich für jetzt meine, erreichen können. Was sich mir aber als ein Sprössling des Guten zeigt, und zwar als ein jenem sehr ähnlicher, will ich euch sagen, wenn es auch euch lieb ist, wenn aber nicht, will ich es lassen.
Ἀλλ᾽, ἔφη, λέγε· εἰς αὖθις γὰρ τοῦ πατρὸς ἀποτείσεις τὴν
διήγησιν.
[Übersetzung]
Ja doch, sprach er, rede; und die Aufstellung über den Vater magst du uns ein anderes Mal begleichen.
507



5
Βουλοίμην ἄν, εἶπον, ἐμέ τε δύνασθαι αὐτὴν ἀποδοῦναι
καὶ ὑμᾶς κομίσασθαι, ἀλλὰ μὴ ὥσπερ νῦν τοὺς τόκους μόνον.
τοῦτον δὲ δὴ οὖν τὸν τόκον τε καὶ ἔκγονον αὐτοῦ τοῦ ἀγαθοῦ
κομίσασθε. εὐλαβεῖσθε μέντοι μή πῃ ἐξαπατήσω ὑμᾶς
ἄκων, κίβδηλον ἀποδιδοὺς τὸν λόγον τοῦ τόκου.
[Übersetzung]
Ich wollte wohl, sagte ich, dass ich imstande wäre, diese vorzulegen, und dass ihr sie entgegennehmen könntet, und nicht wie jetzt nur die Zinsen. Diesen Zins also und Sprössling des Guten nehmt für jetzt entgegen. Nehmt euch aber in Acht, dass ich euch nicht unfreiwillig hintergehe, indem ich euch eine verfälschte Rechnung über diese Zinsen vorlege.
Εὐλαβησόμεθα, ἔφη, κατὰ δύναμιν· ἀλλὰ μόνον λέγε.
[Übersetzung]
Wir werden uns schon, sagte er, nach Vermögen in Acht nehmen; also rede nur!
Διομολογησάμενός γ᾽ ἔφην ἐγώ, καὶ ἀναμνήσας ὑμᾶς τά
τ᾽ ἐν τοῖς ἔμπροσθεν ῥηθέντα καὶ ἄλλοτε ἤδη πολλάκις
εἰρημένα.
[Übersetzung]
Nachdem ich mit euch übereingekommen bin, sagte ich, und euch das im Vorigen Gesagte und auch das sonst schon oft Gesagte in Erinnerung gebracht habe.

b
Τὰ ποῖα; ἦ δ᾽ ὅς.
[Übersetzung]
Was für etwas denn? fragte er.
Πολλὰ καλά, ἦν δ᾽ ἐγώ, καὶ πολλὰ ἀγαθὰ καὶ ἕκαστα
οὕτως εἶναί φαμέν τε καὶ διορίζομεν τῷ λόγῳ.
[Übersetzung]
Vieles ist schön, sprach ich, und vieles ist gut, und wir behaupten, dass Einzelnes so ist, und bestimmen es durch die Rede.

b2 πολλὰ καλά Gemeint ist, es gibt eine Vielzahl existierender schöner Dinge, also materiell Schönes, wie auch ἀγαθά. — διορίζομεν τῷ λόγῳ Der Begriff λόγος ist bei Platon stets an der Bedeutung Rede orientiert.
Φαμὲν γάρ.
[Übersetzung]
Das behaupten wir.
5
Καὶ αὐτὸ δὴ καλὸν καὶ αὐτὸ ἀγαθόν, καὶ οὕτω περὶ πάντων
ἃ τότε ὡς πολλὰ ἐτίθεμεν, πάλιν αὖ κατ᾽ ἰδέαν μίαν ἑκάστου
ὡς μιᾶς οὔσης τιθέντες, «ὃ ἔστιν» ἕκαστον προσαγορεύομεν.
[Übersetzung]
Und auch in Bezug auf dieses Schöne selbst und dieses Gute selbst, und so auch von allem, was wir zunächst als vieles gesetzt hatten, sagen wir, indem wir es wiederum gemäß einer Idee eines jeden als etwas, das eines ist, setzen, jeweils ein einzelnes „was es ist“ aus.

b5 αὐτὸ καλόν dieses Schöne selbst. Es geht hier um die Differenz von dem Ding und seiner Bezeichnung als „schön“. Sokr. sagt, dass hinter der Bezeichnung „schön“ eine Idee des Schönen steckt. Indem wir diese Idee kennen, können wir sie in dem schönen Ding wiedererkennen und es deshalb als schön bezeichnen. — b6–7 ἐτίθεμεν … τιθέντες setzenb6 ἰδέαν „Idee“ bedeutet hier nicht Einfall, sd. noetische Entität (nur dem Denken zugänglicher Gegenstand)
Ἔστι ταῦτα.
[Übersetzung]
So ist es.


10
Καὶ τὰ μὲν δὴ ὁρᾶσθαί φαμεν, νοεῖσθαι δ᾽ οὔ, τὰς δ᾽ αὖ
ἰδέας νοεῖσθαι μέν, ὁρᾶσθαι δ᾽ οὔ.
[Übersetzung]
Und von jenem vielen sagen wir, dass es gesehen werde, aber nicht, dass es mit der Vernunft erfasst werde; von den Ideen aber wiederum, dass sie mit der Vernunft erfasst, aber nicht gesehen werden.

b9 νοεῖσθαι mit der Vernunft erfasst werden
Παντάπασι μὲν οὖν.
[Übersetzung]
Auf alle Weise ja doch.
c
Τῷ οὖν ὁρῶμεν ἡμῶν αὐτῶν τὰ ὁρώμενα;
[Übersetzung]
Mit was von uns selbst nun sehen wir das Gesehene?

c1 Τῷ … ἡμῶν αὐτῶν mit was von uns selbst, also mit welcher uns gegebenen natürlichen Ausstattung
Τῇ ὄψει, ἔφη.
[Übersetzung]
Mit dem Sehen, sagte er.

c1 ἡ ὄψις, -εως das Sehen, der Gesichtssinn
Οὐκοῦν, ἦν δ᾽ ἐγώ, καὶ ἀκοῇ τὰ ἀκουόμενα, καὶ ταῖς ἄλλαις
αἰσθήσεσι πάντα τὰ αἰσθητά;
[Übersetzung]
Nicht auch ebenso, sprach ich, mit dem Hören das Gehörte, und so mit den übrigen Sinneswahrnehmungen alles Wahrnehmbare?

c3 ἡ ἀκοή, -ῆς das Hören, der Gehörsinnc4 ἡ αἴσθησις, -εως hier: die Sinneswahrnehmung, der (Wahrnehmungs-)Sinnαἰσθητός Verbaladj. wahrnehmbar
5
Τί μήν;
[Übersetzung]
Was sonst?
Ἆρ᾽ οὖν, ἦν δ᾽ ἐγώ, ἐννενόηκας τὸν τῶν αἰσθήσεων
δημιουργὸν ὅσῳ πολυτελεστάτην τὴν τοῦ ὁρᾶν τε καὶ
ὁρᾶσθαι δύναμιν ἐδημιούργησεν;
[Übersetzung]
Hast du auch wohl bemerkt, wie der Werkmeister der Sinne das Sehen-Können und das Gesehen-werden-Können in vielfach vollendetster Weise geschaffen hat?

c6 ἐννενόηκας bedenken, bemerken → Stfc7 δημιουργός Handwerker, Werkmeister, Schöpferπολυτελής, -ές aufwändigc8 δημιουργέω bilden, gestalten
Οὐ πάνυ, ἔφη.
[Übersetzung]
Überhaupt nicht, sagte er.
10

d
Ἀλλ᾽ ὧδε σκόπει. Ἔστιν ὅτι προσδεῖ ἀκοῇ καὶ φωνῇ
γένους ἄλλου εἰς τὸ τὴν μὲν ἀκούειν, τὴν δὲ ἀκούεσθαι, ὃ
ἐὰν μὴ παραγένηται τρίτον, ἡ μὲν οὐκ ἀκούσεται, ἡ δὲ οὐκ ἀκουσθήσεται;
[Übersetzung]
Dann betrachte es so: Ist wohl für Gehör und stimmlichen Laut noch eine andere Gattung erforderlich, damit das eine hört und der andre gehört wird, so dass, wenn dieses Dritte nicht da ist, das eine nicht hören kann und der andre nicht gehört wird?

c10 ἔστιν ὅτι Ist es möglich, dass: der Satz ist eine Frage — προσδεῖ + Gen. es ist zusätzlich nötigc11 γένους ἄλλου andere Gattungεἰς τὸ τὴν μὲν ἀκούειν damit das eine hört; τὴν μέν (ἡ μέν) bezieht sich auf ἀκοῇ, τὴν δέ (ἡ δέ) auf φωνῇ —c11–d2 ἀκούειν – ἀκούεσθαι – ἀκούσεται – ἀκουσθήσεται → Stf
Οὐδενός, ἔφη.
[Übersetzung]
Keine, sagte er.

5
Οἶμαι δέ γε, ἦν δ᾽ ἐγώ, οὐδ᾽ ἄλλαις πολλαῖς, ἵνα μὴ εἴπω
ὅτι οὐδεμιᾷ, τοιούτου προσδεῖ οὐδενός. Ἤ σύ τινα ἔχεις
εἰπεῖν;
[Übersetzung]
Und ich glaube, sprach ich, auch nicht für die meisten anderen, um nicht zu sagen, dass für keinen der Sinne so etwas erforderlich wäre. Oder weißt du etwas anzuführen?

d4 ἄλλαις πολλαῖς scil. Sinned5 οὐδεμιᾷ hier sind auch die Sinne gemeint, während τοιούτου … οὐδενός die „zusätzliche Gattung“ (c11) meint
Οὐκ ἔγωγε, ἦ δ᾽ ὅς.
[Übersetzung]
Ich jedenfalls nicht, antwortete er.
Τὴν δὲ τῆς ὄψεως καὶ τοῦ ὁρατοῦ οὐκ ἐννοεῖς ὅτι προσ-
δεῖται;
[Übersetzung]
Aber für den des Sehens und Sichtbarseins, bemerkst du nicht, dass so etwas erforderlich ist?

d8 ὁρατός sichtbar → Stfπροσδεῖται + Gen.: einer Sache zusätzlich bedürfen; erg. hierzu aus d5 τοιούτου
10
Πῶς;
[Übersetzung]
Wieso?



e
᾿Ενούσης που ἐν ὄμμασιν ὄψεως καὶ ἐπιχειροῦντος τοῦ
ἔχοντος χρῆσθαι αὐτῇ, παρούσης δὲ χρόας ἐν αὐτοῖς, ἐὰν μὴ
παραγένηται γένος τρίτον ἰδίᾳ ἐπ’ αὐτὸ τοῦτο πεφυκός, οἶσθα
ὅτι ἥ τε ὄψις οὐδὲν ὄψεται, τά τε χρώματα ἔσται ἀόρατα.
[Übersetzung]
Wenn auch irgendwo in den Augen Sehvermögen ist und wenn der darüber Verfügende versucht, es zu gebrauchen, und wenn auch Farbe in ihnen ist, dann wird, wie du weißt, das Sehvermögen nichts sehen und die Farben werden unsichtbar sein, falls nicht eine dritte Gattung, die eigens von Natur aus für genau diesen Zweck da ist, hinzutritt.

d11–12 ᾿Ενούσης … ὄψεως – ἐπιχειροῦντος τοῦ ἔχοντος – παρούσης … χρόας übs. die Gen. abs. konzessiv; das χρῆσθαι hängt von ἐπιχειροῦντος versuchen ab — d12 ἡ χρόα, -ας Oberfläche, Farbee1 ἰδίᾳ eigense2 τὸ χρῶμα, -ατος Farbeἀ-όρατος un-sichtbar
Τίνος δὴ λέγεις, ἔφη, τούτου;
[Übersetzung]
Von welcher sprichst du?, fragte er.
῝Ο δὴ σὺ καλεῖς, ἦν δ’ ἐγώ, φῶς.
[Übersetzung]
Was du, sagte ich, Licht nennst.
5
᾿Αληθῆ, ἔφη, λέγεις.
[Übersetzung]
Richtig bemerkt, sagte er.

508
Οὐ σμικρᾷ ἄρα ἰδέᾳ ἡ τοῦ ὁρᾶν αἴσθησις καὶ ἡ τοῦ ὁρᾶσθαι
δύναμις τῶν ἄλλων συζεύξεων τιμιωτέρῳ ζυγῷ ἐζύγησαν,
εἴπερ μὴ ἄτιμον τὸ φῶς.
[Übersetzung]
Durch ein um keine geringe Art achtbareres Joch also sind das Sehen als Sinnestätigkeit und das Wahrgenommenwerdenkönnen zusammengespannt als die anderen paarweisen Verbindungen, wenn freilich das Licht nichts Unachtbares ist.

e6  οὐ σμικρᾷ ἰδέᾳ … τιμιωτέρῳ ζυγῷ instr. Dat. beim Komparativ ()

Bei Kühner-Gert II,1 S. 440 steht:
grammatikscan

Unter diesem Absatz ist auf S. 441 unsere vorliegende Stelle zu finden:
grammatikscan

durch ein um keine geringe Art achtbareres Jocha1  σύζευξις, -εως paarweise Verbindung, wörtl. Zusammenjochungτίμιος geschätzt, achtbarτὸ ζυγόν Jochἐζύγησαν → Stf ἄτιμος Verneinung von τίμιος
᾿Αλλὰ μήν, ἔφη, πολλοῦ γε δεῖ ἄτιμον εἶναι.
[Übersetzung]
Weit gefehlt, antwortete er, dass es unachtbar wäre.

5
Τίνα οὖν ἔχεις αἰτιάσασθαι τῶν ἐν οὐρανῷ θεῶν τούτου
κύριον, οὗ ἡμῖν τὸ φῶς ὄψιν τε ποιεῖ ὁρᾶν ὅτι κάλλιστα καὶ
τὰ ὁρώμενα ὁρᾶσθαι;
[Übersetzung]
Welchen der Götter im Himmel weißt du nun ursächlich als Herrn anzugeben, dessen Licht macht, dass das Sehen möglichst schön sieht und das Gesehene gesehen wird?

a4 κύριον αἰτιάσασθαι als Herrn ursächlich angeben (αἰτιάομαι + Gen. wofür) — a5 ὅτι κάλλιστα (Adv.!) möglichst schön: ὅτι / ὡς beim Superlativ!
῞Ονπερ καὶ σύ, ἔφη, καὶ οἱ ἄλλοι· τὸν ἥλιον γὰρ δῆλον
ὅτι ἐρωτᾷς.
[Übersetzung]
Denselben wie du und alle anderen; denn nach Helios (der Sonne) fragst du offenbar.

a8 ἐρωτάω τινά nach jmd. fragenδῆλον ὅτι adverbial zu übersetzen: offenbar
῏Αρ’ οὖν ὧδε πέφυκεν ὄψις πρὸς τοῦτον τὸν θεόν;
[Übersetzung]
Verhält sich also auf diese Weise das Sehen zu diesem Gott?
10
Πῶς;
[Übersetzung]
Wie?

b
Οὐκ ἔστιν ἥλιος ἡ ὄψις οὔτε αὐτὴ οὔτ’ ἐν ᾧ ἐγγίγνεται, ὃ
δὴ καλοῦμεν ὄμμα.
[Übersetzung]
Weder das Sehen selbst ist die Sonne noch das, worin es stattfindet, was wir ja doch Auge nennen.
Οὐ γὰρ οὖν.
[Übersetzung]
Gewiss nicht.

᾿Αλλ’ ἡλιοειδέστατόν γε οἶμαι τῶν περὶ τὰς αἰσθήσεις
ὀργάνων.
[Übersetzung]
Aber gewiss das sonnenartigste ist es, wie ich glaube, unter allen Organen für die Wahrnehmungen.

b3 ἡλιο-ειδής sonnen-artig
5
Πολύ γε.
[Übersetzung]
Bei weitem.

Οὐκοῦν καὶ τὴν δύναμιν ἣν ἔχει ἐκ τούτου ταμιευομένην
ὥσπερ ἐπίρρυτον κέκτηται;
[Übersetzung]
Also auch das Vermögen, das es von jenem [Gott] zur Verwaltung erhalten hat, besitzt es wie ein Hinzugeflossenes.

b6 ταμιεύω verwalten, liefernb7 ἐπίρρυτος zugeflossen
Πάνυ μὲν οὖν.
[Übersetzung]
Genau.

10
῏Αρ’ οὖν οὐ καὶ ὁ ἥλιος ὄψις μὲν οὐκ ἔστιν, αἴτιος δ’ ὢν
αὐτῆς ὁρᾶται ὑπ’ αὐτῆς ταύτης;
[Übersetzung]
Nicht wahr, auch die Sonne ist zwar nicht das Sehen, insofern sie aber dessen Ursache ist, wird sie von diesem selbst gesehen?

b9 ἆρ’ … οὐ nicht wahr?
Οὕτως, ἦ δ’ ὅς.
[Übersetzung]
So ist es, sagte er.


c
Τοῦτον τοίνυν, ἦν δ’ ἐγώ, φάναι με λέγειν τὸν τοῦ ἀγαθοῦ
ἔκγονον, ὃν τἀγαθὸν ἐγέννησεν ἀνάλογον ἑαυτῷ, ὅτιπερ αὐτὸ
ἐν τῷ νοητῷ τόπῳ πρός τε νοῦν καὶ τὰ νοούμενα, τοῦτο τοῦτον
ἐν τῷ ὁρατῷ πρός τε ὄψιν καὶ τὰ ὁρώμενα.
[Übersetzung]
Diese Sonne freilich, sagte ich, sage nur, meine ich mit dem Sprössling des Guten, den das Gute in Entsprechung zu sich selbst gezeugt hat: Was es selbst im Bereich des Denkbaren für das Denken und die Denkinhalte leistet, das leistet diese im Bereich des Sichtbaren für den Gesichtssinn und die Objekte des Sehens.

b12 φάναι imperat. Sinn: sage nurb13 ἀνάλογος entsprechend, übereinstimmendc1 ἐν τῷ νοητῷ τόπῳ τόπος meint hier Bereich; νοητός denkbar, gedacht; genauso ist dann das ἐν τῷ ὁρατῷ (c2) zu fassen.
Πῶς; ἔφη· ἔτι δίελθέ μοι.
[Übersetzung]
Wie?, sagte er, erkläre es mir noch weiter.


5
᾿Οφθαλμοί, ἦν δ’ ἐγώ, οἶσθ’ ὅτι, ὅταν μηκέτι ἐπ’ ἐκεῖνά τις
αὐτοὺς τρέπῃ ὧν ἂν τὰς χρόας τὸ ἡμερινὸν φῶς ἐπέχῃ, ἀλλὰ
ὧν νυκτερινὰ φέγγη, ἀμβλυώττουσί τε καὶ ἐγγὺς φαίνονται
τυφλῶν, ὥσπερ οὐκ ἐνούσης καθαρᾶς ὄψεως;
[Übersetzung]
Weißt du, sagte ich, dass die Augen, wenn jemand sie nicht mehr zu denjenigen Dingen wendet, auf deren Oberfläche das Tageslicht fällt, sondern zu denen in nächtlichem Schimmer, sehr stumpf sind und beinahe wie die von Blinden scheinen, als wäre keine reine Sehkraft in ihnen?

c5 ἡ χρόα vgl. oben (507d12), hier: Oberflächeἡμερινός Adj. zu ἡμέρα Tages-…ἐπέχω τι sich verbreiten überc6 νυκτερινός Adj. zu νύξ Nacht-…τὸ φέγγος Mondschein, Schimmerἀμβλυώττω stumpf sein
Καὶ μάλα, ἔφη.
[Übersetzung]
Ja sicher, sagte er.

d
῞Οταν δέ γ’ οἶμαι ὧν ὁ ἥλιος καταλάμπει, σαφῶς ὁρῶσι,
καὶ τοῖς αὐτοῖς τούτοις ὄμμασιν ἐνοῦσα φαίνεται.
[Übersetzung]
Wenn man sie aber auf Dinge richtet, auf die die Sonne scheint, sehen sie genau, und in diesen selben Augen scheint Sehkraft zu sein.

d1 ὅταν setzt das ὅταν τις … τρέπῃ von c4ff. fort — καταλάμπω τινός niederscheinen auf, beleuchtend2 ἐνοῦσα bezieht sich auf ὄψεως aus c7
Τί μήν;
[Übersetzung]
Warum nicht?


5
Οὕτω τοίνυν καὶ τὸ τῆς ψυχῆς ὧδε νόει· ὅταν μὲν οὗ
καταλάμπει ἀλήθειά τε καὶ τὸ ὄν, εἰς τοῦτο ἀπερείσηται,
ἐνόησέν τε καὶ ἔγνω αὐτὸ καὶ νοῦν ἔχειν φαίνεται· ὅταν δὲ εἰς
τὸ τῷ σκότῳ κεκραμένον, τὸ γιγνόμενόν τε καὶ ἀπολλύμενον,
δοξάζει τε καὶ ἀμβλυώττει ἄνω καὶ κάτω τὰς δόξας μετα-
βάλλον, καὶ ἔοικεν αὖ νοῦν οὐκ ἔχοντι.
[Übersetzung]
So denke dir also auch die Sache bei der Seele dermaßen: Wenn sie sich auf das richtet, worauf die Wahrheit und das Sein scheint, bemerkt und erkennt sie es und scheint Vernunft zu haben; wenn aber auf das mit Finsternis Vermischte, das Werdende und das Vergehende, meint sie nur und ist stumpf, wechselt die Meinungen hin und her, und gleicht einem, der keine Vernunft hat.

d5 καταλάμπω τινός auf etwas (nieder)scheinenτὸ ὄν übs. hier mit das Seinάπερείδομαι εἰς sich richten aufd6 ὅταν δέ ergänze: ἀπερείσηται — d7 ὁ σκότος Dunkelheit, Finsternisκεκραμένον → Stfτὸ γιγνόμενόν τε καὶ ἀπολλύμενον philos. Fachtermini: das Werden und Vergehend7 ἄνω καὶ κάτω … μεταβάλλον (von oben nach unten =) hin und her wechseln
10
῎Εοικε γάρ.
[Übersetzung]
Ja, so scheint es.

e



5

509



5
Τοῦτο τοίνυν τὸ τὴν ἀλήθειαν παρέχον τοῖς γιγνωσκο-
μένοις καὶ τῷ γιγνώσκοντι τὴν δύναμιν ἀποδιδὸν τὴν τοῦ
ἀγαθοῦ ἰδέαν φάθι εἶναι· αἰτίαν δ’ ἐπιστήμης οὖσαν καὶ
ἀληθείας, ὡς γιγνωσκομένης μὲν διανοοῦ, οὕτω δὲ καλῶν
ἀμφοτέρων ὄντων, γνώσεώς τε καὶ ἀληθείας, ἄλλο καὶ
κάλλιον ἔτι τούτων ἡγούμενος αὐτὸ ὀρθῶς ἡγήσῃ· ἐπιστήμην
δὲ καὶ ἀλήθειαν, ὥσπερ ἐκεῖ φῶς τε καὶ ὄψιν ἡλιοειδῆ μὲν
νομίζειν ὀρθόν, ἥλιον δ’ ἡγεῖσθαι οὐκ ὀρθῶς ἔχει, οὕτω καὶ
ἐνταῦθα ἀγαθοειδῆ μὲν νομίζειν ταῦτ’ ἀμφότερα ὀρθόν, ἀγαθὸν
δὲ ἡγεῖσθαι ὁπότερον αὐτῶν οὐκ ὀρθόν, ἀλλ’ ἔτι μειζόνως
τιμητέον τὴν τοῦ ἀγαθοῦ ἕξιν.
[Übersetzung]
Dieses nun, was dem geistig Erkannten Wahrheit verleiht und dem Erkennenden das Erkenntnisvermögen gewährt, sage, sei die Idee des Guten; als Ursache von Erkenntnis und Wahrheit, sofern sie erkannt wird, denke sie, aber du wirst sie richtig auffassen, wenn du sie, nachdem beide, die Erkenntnis und die Wahrheit, schön sind, für etwas anderes und zwar noch Schöneres als diese beiden hältst. Was aber das Wissen und die Wahrheit betrifft: Wie es dort zwar richtig ist, das Licht und den Gesichtssinn für sonnenartig zuhalten, sie für die Sonne zu halten indes nicht richtig ist, so ist es auch hier richtig, diese beiden für gutartig zu halten, sie für das Gute zu halten aber nicht richtig, sondern die Beschaffenheit des Guten muss noch höher geschätzt werden.

e1–2 τὸ τὴν ἀλήθειαν … ἀποδιδόν ordne so: τὸ τὴν ἀλήθειαν τοῖς γιγνωσκομένοις παρέχον καὶ τὸ τὴν δύναμιν τῷ γιγνώσκοντι ἀποδιδόν; also zwei mit καί verbundene substantivierte Partizipien, die jeweils einen Akk. und einen Dat. bei sich haben — e3 φάθι → φημίe4 διανοοῦ auch Imperativ, hier mit Akk. αἰτίαν: als Ursache denkene6 αὐτό = ἡ τοῦ ἀγαθοῦ ἰδέα (e2f.) — e6f. ἐπιστήμην δὲ καὶ ἀλήθειαν … νομίζειν sie als Wissen und Wahrheit zu denken. Wissen und Wahrheit sind also Entsprechungen zu Licht und Gesichtssinn: beide sind sonnen-artig, aber nicht die Sonne selbst — a3 ἀγαθο-ειδής gut-artig; Wortbau genau dem ἡλιο-ειδής entsprechend — a5 ἡ ἕξις, -εως Beschaffenheit
᾿Αμήχανον κάλλος, ἔφη, λέγεις, εἰ ἐπιστήμην μὲν καὶ
ἀλήθειαν παρέχει, αὐτὸ δ’ ὑπὲρ ταῦτα κάλλει ἐστίν· οὐ γὰρ
δήπου σύ γε ἡδονὴν αὐτὸ λέγεις.
[Übersetzung]
Eine unvorstellbare Schönheit, sagte er, schilderst du da, wenn es Wissen und Wahrheit gewährt, selbst aber über diesen beiden steht an Schönheit; denn Lust ist es offenbar nicht, was du damit meinst.

a6 ἀμήχανος unvorstellbara7 κάλλει an Schönheit (über diesen stehen)

10
Εὐφήμει, ἦν δ’ ἐγώ· ἀλλ’ ὧδε μᾶλλον τὴν εἰκόνα αὐτοῦ
ἔτι ἐπισκόπει.
[Übersetzung]
Hüte deine Zunge, sagte ich: aber betrachte ihr Bild eher so.

a9 εὐφήμει Imp. („sprich gut“ =) hüte deine Zungea10 ἐπισκόπει ≈ σκόπει
b
Πῶς;
[Übersetzung]
Wie?

Τὸν ἥλιον τοῖς ὁρωμένοις οὐ μόνον οἶμαι τὴν τοῦ ὁρᾶσθαι
δύναμιν παρέχειν φήσεις, ἀλλὰ καὶ τὴν γένεσιν καὶ αὔξην
καὶ τροφήν, οὐ γένεσιν αὐτὸν ὄντα.
[Übersetzung]
Du wirst zugeben, glaube ich, dass die Sonne allen sichtbaren Dingen nicht nur das Vermögen verleiht, gesehen zu werden, sondern auch das Werden und das Wachsen und die Nahrung, wobei sie selbst kein Werden ist.

b2 τὰ ὁρώμενα („die Dinge, die gesehen werden“) das Sichtbareb3 φήσεις du wirst zugebenἡ αὔξη Zuwachs, Wachstumb4 οὐ γένεσιν αὐτὸν ὄντα wobei sie selbst kein Werden ist
5
Πῶς γάρ;
[Übersetzung]
Wie sollte sie!





10
Καὶ τοῖς γιγνωσκομένοις τοίνυν μὴ μόνον τὸ γιγνώσκεσθαι
φάναι ὑπὸ τοῦ ἀγαθοῦ παρεῖναι, ἀλλὰ καὶ τὸ εἶναί τε καὶ τὴν
οὐσίαν ὑπ’ ἐκείνου αὐτοῖς προσεῖναι, οὐκ οὐσίας ὄντος τοῦ
ἀγαθοῦ, ἀλλ’ ἔτι ἐπέκεινα τῆς οὐσίας πρεσβείᾳ καὶ δυνάμει
ὑπερέχοντος.
[Übersetzung]
So räume auch ein, dass den nur geistig erkennbaren Dingen nicht nur das Erkanntwerden von dem Guten zukommt, sondern dass sie auch das Sein und das Wesen von jenem zusätzlich haben, obwohl das Gute kein Wesen ist, sondern noch darüber hinaus das Wesen an Würde und Vermögen überragt.

b6 τὰ γιγνωσκόμενα („die Dinge, die geistig erkannt werden“) das (nur geistig) Erkennbareτὸ γιγνώσκεσθαι … παρεῖναι AcI, von φάναι abh. — b7 φάναι Imp.! (vgl. o. 508 b12) – φάναι ist das Prädikat; hier i. S. v. einräumen, zugebenτὸ εἶναί τε καὶ τὴν οὐσίαν das Sein und das Wesenb8 προσεῖναι zusätzlich vorhanden seinb9 ἐπέκεινα (Adv.) jenseits, darüber hinausἡ πρέσβεια Erhabenheit, Würde