Platons Theorie von der Entstehung eines Staates

Ausgangspunkt für Platon ist das von Thrasymachos im 1. Buch der Politeia aufgeworfene und von Glaukon und Adeimantos verschärfte Problem, dass die Gerechtigkeit nur deswegen gelobt wird, weil keiner Unrecht leiden will. Wenn er aber in der Lage ist, Unrecht zu tun, dann ist er schnell dabei. Wer in großem Stil Unrecht tut, so dass er sich an die Spitze des Staates stellen kann, wird sogar für gerecht gehalten. Sokrates ist aufgefordert nachzuweisen, dass die Gerechtigkeit vorzuziehen ist, ja dass sogar jeder lieber die Gerechtigkeit wählt anstelle der Ungereichtigkeit, selbst wenn der Ungerechteste, weil seine ungerechten Taten nicht entdeckt werden, als der Gerechteste gilt, während der tatsächlich Gerechte als ungerecht gilt, sogar gefoltert wird und für seine anscheinende Ungerechtigkeit schließlich sogar den Tod erleidet.

Sokrates möchte die Gerechtigkeit, um sie leichter finden zu können, an einem größeren Objekt als dem Menschen untersuchen. Das ist der Staat. So, wie man eine zu kleine Schrift auf Anhieb nicht gut lesen kann, aber wenn dasselbe in großen Buchstaben woanders nochmal geschrieben steht, sehr viel leichter entziffert, so möchte Platon die Gerechtigkeit in Staat (eig. in der πόλις) untersuchen, weil man erwarten kann, sie dort leichter zu finden.

Sokrates gründet (οἰκίζειν) also eine Stadt. Sie entsteht aus dem Bedürfnis bzw. aus dem Mangel; denn der Mensch ist nicht autark. Der Mensch ist ein Mängelwesen, daher bedarf er der anderen. Es gibt eine Abstufung der Bedürfnisse nach ihrer Wichtigkeit:

  1. Nahrung
  2. Wohnung
  3. Kleidung
  4. Schuhe u. ä.

Die erste aus dem Bedürfnis entstehende Ansiedlung wird also vier oder fünf Leute umfassen (die hier genannten: Getreidebauer, Baumeister, Weber, Schuster).

Jeder der vier oder fünf hat sein eigenes ἔργον, d. h. das, worin er gut ist, was ihm wesensmäßig liegt. Dem wird er auch in Vollzeit nachgehen. So entsteht eine arbeitsteilige Gesellschaft, wo jeder auf eine Sache spezialisiert ist. Dieses Tun dessen, wozu einer von Natur aus geschaffen ist, nennt Sokrates τὰ αὑτοῦ πράττειν, also „das Seinige tun“ (erstmalig in 370 a4 genannt). Eine solche Ansiedlung ist autark, d. h. sie ist auf keine Zulieferung von außen angewiesen, sondern kann alles, was sie zum Leben braucht, auch selbst produzieren.

Nun werden der Bauer, der Baumeister, der Weber usw. Werkzeuge brauchen, die sie wiederum nicht selbst herstellen. Also braucht es Tischler, Schmiede usw. So entwickelt Sokrates auf den folgenden Seiten eine immer größere Stadt, die aber stets dem Prinzip der Notwendigkeit verpflichtet ist: Nichts wird in der Stadt aufgenommen, was nicht einer Notwendigkeit entspricht. Eine solche Stadt ist nicht mehr autark, sie wird Importe brauchen und deswegen mehr produzieren müssen, als sie selbst braucht, was die Stadt wiederum anwachsen lässt durch eine Mehrzahl an Produzenten als auch durch Händler, Seeleute usw. wie auch durch Krämer und Tagelöhner.

Nun aber, bei weiterer Ausdehnung. würde die Stadt die Grenze von der durch Notwendigkeiten gewachsenen zu einer aufgeblähten üerschreiten, indem Zuckerbäckerei, Kosmetik, Freudenmädchen u. ä. zugelassen werden. Dadurch wird die Lebensweise auch ungesund, man wird viel mehr Ärzte benötigen als vorher.

Wenn die Stadt nun aufgebläht ist, dann bracht man mehr Ackerland rundherum. Dies führt zu Konflikten mit den Nachbarn, wenn diese nämlich ebenfalls „immer mehr“ wollen. Unsere Stadt schneidet von deren Land etwas ab, die andere Stadt von unserem Land. So kommt es zum Krieg. Kriegsursache ist, allgemein gesprochen, der Ressourcenmangel.

Die Fährte der Gerechtigkeitssuche nimmt Sokrates direkt erst wieder auf im 4. Buch. Dort bestimmt er sie, nachdem er die anderen drei Kardinaltugenden bereits gefunden hat (σωφροσύνη als Tugend des „Nährstandes“, also der Handwerker, Händler, Gewerbetreibenden, ἀνδρεία als die des „Wehrstandes“, also der Wächter, σοφία als die des „Lehrstandes“, also der Philosophenkönige), explizit als τὰ αὑτοῦ πράττειν (433 a8).

Staatsentstehungstheorien im Vergleich

Es seien zum Vergleich nur einige genannt:

Platon

Für Platon ist die Entstehung des Staates hervorgerunfe durch die Mangelstruktur des Einzelnen, der andere braucht, um seine Mängel auszugleichen und seine Bedürfnisse zu stillen.

Hobbes (1588–1679)

Die Gesellschaft ist, wenn sie sich selbst überlassen ist, der Krieg aller gegen alle (bellum omnium contra omnes). Um diesem Zustand abzuhelfen, schließen die Menschen einen Vertrag, in dem sie das Gewaltmonopol an eine höhere Institution abtreten. Diese „Vertragstheorie“ führt also zu absolutistischen Regimen.

Rousseau (1712–1778)

Die Menschen Leben im Naturzustand glücklich, in kleinen Gemeinschaften. Dann kommt die Idee des Eigentums und mit ihr alle Übel. Das vernünftige Mittel des bürgerlichen Gesellschaft dagegen besteht im Contrat social (Gesellschaftsvertrag). Man kommt überein, dass man, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht, besser dran ist. Diese „Vertragstheorie“ führt im wesentlichen zu demokratischen Gesellschaftsformen.